RAL 1015 Ausgabe 0697


Singapur

Initiiert von Raimund Cassalette, (Hrsg. Hallo Taxi, Bremen), finanziell unterstützt und veranstaltet von der Firma Dantronik/MDSI haben sich einige auf den Weg nach Singapur gemacht, um sich das weltweite Paradebeispiel einer vollautomatischen Funkzentrale anzuschauen und in angenehmer Atmosphäre Erfahrungen mit Kollegen aus Deutschland und Österreich auszutauschen.

Die Besichtigung von CityCab (4.170 Wagen, ausgerüstet für 5.000) beeindruckte alle Teilnehmer. Alles durchorganisiert bis ins Detail, um mittels Technik und Logistik gute Umsätze durch guten Service für Fahrer und Fahrgäste zu errei- chen. Die Marktsituation in Singapur ist wie folgt: 17.000 Taxen, staatliche begrenzte Lizenzen für den Autokauf (nur die Erlaubnis!) werden zum gleichen Preis wie Privat-PKWs vergeben: ca. 85-125.000 DM. Subventionen kennt man hier nicht, allerdings verzichtet der Staat bei der Taxe auf die sonst übliche Luxussteuer. Trotzdem bleibt noch der eigentliche Kaufpreis. Die drei großen Zentralen 10.000, 4.170 und 2.000 Wagen sind selbst Inhaber der Wagen und ver- leihen diese an die Fahrer. Der Mietpreis unterscheidet sich je nach Ausstat- tung und Alter des Wagens (um die 80 DM). Alle Zentralen arbeiten mit Displays und GPS. Der Fahrermarkt ist hart umkämpft und jeder versucht durch soziale Zusatzleistungen wie z.B. Gruppenkrankenversicherung Anreize zu bieten. Die Tarife werden staatlich festgelegt, Einschaltgebühr inkl. 1 km ca. 3 DM, jeder weiterer km ca. 55 Pfennig, Wartezeit ca. 15 DM/h, bis auf einige Zuschläge (z.B. Nacht, Bestellgebühr, Kreditkartenzuschlag) können Zusatzleistungen von den Zentralen tarifiert werden; interessant fanden wir hier z.B. den Service Airport direct, bei dem für einen Zuschlag das Eintreffen der Taxe garantiert wird. Im Normalfall kann man alles unter 10 DM erreichen, weitere Fahrten kommen auf maximal 20 DM. Der Fahrer verdient durchschnittlich 85-125 DM pro Tag (nach Abzug aller Kosten), die Kosten der Lebenshaltung sind insgesamt vergleichbar mit unseren, allerdings beträgt die MwSt nur 3%.

Wieder einmal zeigte sich, daß der Versuch, höhere Umsätze über einen niedrigen Preis zu machen, erfolgreich sein kann. Unser Tarifsystem jedoch beruht immer auf Erhöhungen, in denen der Fahrgast die langen Wartezeiten mitbezahlt - eine unserer Ansicht nach tödliche Spirale, zumal der Wettbeweb mit privatem Individualverkehr und anderen Verkehrsmitteln des ÖPNV, sowie den Mietwagen und den Kurierdiensten immer härter wird. Das Beispiel Singapur wurde von allen als nur begrenzt auf unser Fahrgebiet anwendbar angesehen, da hier durch strikte Regulierung und Verteuerung des Individualverkehrs und stärkere Einbindung des Taxis in den ÖPNV das Taxi ganz andere Marktchancen hat als bei uns. Dies haben alle am eigenen Leib zu spüren bekommen, als es darum ging, eine der 17.000 Taxen zu bekommen (auf 2.8 Mio. Einwohner) und sich erst einmal in die Warteschlangen einreihen zu müssen. Begrenzte Übertragbarkeit muß aber nicht bedeuten, daß nicht einige Denkanstöße auch hierzulande umgesetzt werden könnten und müßten. Hoffnung auf Veränderung, ohne sich regen zu müssen, bedeutet auf jeden Fall, anderen das Feld zu überlassen. Die von uns allen früher einmal als Übel angesehene Deregulierung macht uns heute das Leben schwer: freies Unternehmertum fehlt, da unterschiedliche Entscheidungen kaum wirtschaftliche Vorteile bringen können. Der Fahrgast steigt in den vorderen Wagen, ob der nun Luxus oder Mittelklasse hat, Service des Fahrers wird und darf nicht entsprechend bezahlt werden (Preisbindung/Tarifpflicht) Das Problem, daß jeder Deutsche sein eigenes Auto haben will, liegt doch auch oft darin begründet, daß ihm keine wahren Alternativen angeboten werden: er hat nur die Wahl zwischen Individualverkehr mit dem eigenen Fahrzeug, dem preiswerteren Modell Bus und Bahn (Verzicht auf Bequemlichkeit und Tür-zu-Tür-Verkehr) oder dem Taxi; letzteres scheidet jedoch meist preislich aus.

Bleibt noch die Diskussion um den Service, der außerhalb von Automarke und Beförderung vom Fahrer selbst erbracht wird. Auch hier spürt der Fahrgast auf der einen Seite immer mehr den Frust des zu lange auf seine Fahrt wartenden Kollegen und auf der anderen Seite die vom Gewerbe mitgetragenen (im Verhältnis wenigen !) schwarzen Schafe, die aber durch oben Genanntes kaum Nachteile erfahren können. In einem Restaurant, wo unfreundlich gearbeitet wird, gehe ich einfach nicht mehr essen (in der Hoffnung, daß die irgendwann mit ihrer Art pleite machen), welcher Weg aber bleibt mir beim Taxi, außer das ganze Gewerbe zu strafen? Abwandernde Firmen, die eigene Fuhrparks einsetzen, Hotel- Shuttlebusse, die den Hotelgästen den Standard des Hotels auch beim Transport bieten sollen, bieten Beispiele, wo diese Schlußfolgerung schon gezogen wurde. Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, dem Kunden Luxuslimousinen anzubieten, Ziel muß es sein, ein Bestandteil des von der Masse genutzten öffentlichen Verkehrs, eine wahre Alternative zum eigenen Auto zu sein. Und das nicht, wenn der Fahrgast sich für eine Kurzstrecke entschuldigen muß, die alte Dame ihren Koffer selber einladen darf oder ähnliches.

Euer Würfelfunk Singapur,den 3.6.97

Funkkurse:

Jeden 2.+4.Donnerstag im Monat, 18:00 Uhr
Winterfeldtstr. 56 in Schöneberg,
die nächsten Termine: 12.6. 26.6. 10.7., 24.7., 14.8., 28.8.



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