RAL Juni-98

Es ist nicht gesagt, daß etwas besser wird,

wenn es anders wird,

wenn es aber besser werden soll,

muß es anders werden.

Georg Christoph Lichtenberg 1742-1799

Liebe Kollegen,

trotz der erfreulichen Entwicklung der Auftragszahlen beim Würfelfunk kann nicht übersehen werden, daß das gesamte Berliner Taxigewerbe mit einem weiteren Rückgang der Fahrgastzahlen innerhalb dieses Jahres rechnen muß. Die Situation wird sich vor allem dann zuspitzen, wenn ein Mietwagendienst Personenbeförderung in größerem Ausmaß anbieten wird. Wie uns aus zuverlässiger Quelle bekannt wurde, wird dieser Service an den Flughäfen und zahlreichen Hotels angeboten werden. Dabei werden Festpreise verlangt, mit denen man sich für etwas weniger als dem Taxitarif hochwertige Wagen der Oberklasse bestellen kann. Nachdem das Taxigewerbe schon vor Jahren die Materialfahrten zu einem großen Teil an Kurierdienste verloren hat und seit einigen Monaten die Krankenfahrten einiger Kassen mit langfristigen Verträgen ebenfalls an Mietwagenunternehmer vergeben wurden, droht nun die letzte Taxidomäne, Fahrten zum und vom Flughafen, dem Gewerbe zumindest teilweise verloren zu gehen. Auch ganz normale Fahrten innerhalb des Stadtgebietes sind aufgrund der allgemeinen Wirtschaftslage rückläufig.

Die Alarmglocken läuten - unsere Gewerbevertreter rühren sich nicht

Völlig erstarrt und tatenlos stellt sich der Innungsverein in der jetzigen Situation dar. Auch der Taxiverband, der wenigstens einsieht, daß sich etwas ändern muß, scheint aber an einer schnellen Umsetzung neuer Konzepte nicht gerade engagiert zu arbeiten. Die einzige Neuerung, das Bahntaxi, wird dem Gewerbe nicht aus der Krise helfen. Niemand in diesem Gewerbe erwartet da ernsthaft einen Erfolg, zumal die beim Bahntaxi teilweise aufgerufenen Dumpingpreise eine Zumutung sind. Hinzu kommt die Geheimniskrämerei der Gewerbevertretungen hinter verschlossenen Türen. Weder der Vertrag zwischen der Bahn und den Vereinen, in dem auch das Zusammenspiel der Funkzentralen diesbezüglich angesprochen wird, noch die schriftliche Fassung des beantragten oder genehmigten Bahntaxitarifs wurden dem Würfelfunk bis heute zugänglich gemacht.

Beim Notruf haben Spree- und Würfelfunk Nägel mit Köpfen gemacht

Eine ähnliche Situation hatte das Gewerbe schon mit dem gemeinsamen Taxinotruf. Jahrelang wurde nur geredet, diskutiert oder es geschah garnichts. Erst als das BAPT dem Gewerbe die gemeinsame Notruffrequenz wegen Untätigkeit entziehen wollte, haben Würfel- und Spreefunk mit einem finanziellen Kraftakt die Einrichtung der Notrufanlage ermöglicht, die den Auflagen des damaligen BAPT entsprach. Erschreckend ist bis heute, daß sich keine andere Funkzentrale an den Kosten beteiligt und so der geplante weitere Ausbau des Notrufkanals auf Eis liegt. Wenn wir also hoffen, unsere Gewerbevertreter würden bald ein Konzept vorstellen, das weitere Umsatzeinbußen verhindert, hat das wohl wenig Sinn.

Andere Städte zeigen uns, wie es weitergehen kann

In Bielefeld hat ein knallhart durchgesetztes Kurierfahrtenkonzept der Taxigenossenschaft die Kurierdienste in die Bedeutungslosigkeit katapultiert. In Brandenburg sind durch Vereinbarung eines Sondertarifs für Krankenfahrten diese Fahrten dem Taxigewerbe fast vollständig erhalten geblieben. In zahlreichen Städten hat eine geänderte Taxitarifstruktur die Mietwagenkonkurrenz zur Randerscheinung werden lassen. Letztes Beispiel ist Kiel, wo die verkehrsbedingte Wartezeit erst nach einigen Minuten gezählt wird. Damit sind die Preise der Taxen fast schon Pauschalpreise, und die dortige Taxigenossenschaft macht der traditionellen Hochburg der Funkmietwagen richtig Dampf. In Berlin werden wir weiter lamentieren, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Auch der Konzessionsstop wird daran nichts ändern.

An neuen Taxitarifen führt kein Weg mehr vorbei

Extremdumping, wie es beim Bahntaxi passieren kann helfen dem Gewerbe genau so wenig wie hunderte von Sondertarifen. Orientiert an der zu erwartenden Mietwagenkonkurrenz sowie an den Unzulänglichkeiten der BVG läßt sich aus unserer vorhandenen Tarifstruktur mit einigen Veränderungen ein marktfähiger Taxitarif schmieden, der den Weg für ein Aufwärts im Gewerbe freimacht. Da eine genaue Erläuterung der Anforderungen an einen neuen Tarif diesen Rahmen hier sprengen würde, regen wir nur Stichwortartig an:

  1. Die Wartezeit muß gesplittet werden, eine Karenzzeit bis zu 3 Minuten ohne Zeitlauf muß gegeben sein, damit wir am Markt endlich einmal mit festen Preisen um Kunden für das Taxi werben können. Die jetzige Wartezeit läßt die Fahrpreise tages- und uhrzeitabhängig zu stark schwanken.
  2. Die Degression muß bleiben. Auf lange Strecken sind oft S- und U-Bahn nicht nur billiger, sondern auch schneller. Wer viele Kilometer im Taxi bezahlt, kann gerne die letzten etwas billiger fahren. Mit der Degression wurde in anderen Städten erreicht, daß Mietwagen z.T. überflüssig wurden.
  3. Die Markteinführung des DM 5,- Winkemanntarifes hat aus verschiedenen Gründen leider nicht den gewünschten Effekt gebracht. Wir schlagen vor, diesen Rabattarif als "Citytarif" z.B. DM 9,- für ca. 3km, die abgefahren werden, anzubieten. Hierbei sollte auf Freiwilligkeit gesetzt werden, z.B. durch grundsätzliche Funkbestellung. Wer diesen Tarif nicht fahren möchte, meldet sich eben einfach nicht. Vorteil: Gerade innerbezirkliche Fahrtwünsche, die die BVG in dieser Feinverteilung und von Tür zu Tür niemals anbieten kann, könnten wir gut bewerben und sind dann vielleicht für viele Berliner eine Alternative zum eigenen Auto.

Wie die Kilometerpreise dann im einzelnen aussehen spielt eine eher untergeordenete Rolle. Auch die Integration von einer Sondertarifstufe in der Uhr, die Bestellgebühr, die Zuschläge usw. kann gerne die Tarifkommision diskutieren.

Dies ist nur ein Vorschlag aus unserer Sicht, wie sich der Tarif etwa entwickeln müßte. Wir hoffen, daß damit die Diskussion eröffnet ist und das Gewerbe schnell handelt - bevor es zu spät ist.